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Fachkräftemangel: Welche Ursachen und Lösungen gibt es?

Wenn es um den Begriff Fachkräftemangel geht, kommt es schnell zu hitzigen Diskussionen. Aus der politischen Ecke ist zu hören, dass es keinen Fachkräftemangel gibt, die Unternehmen hingegen beklagen, keine Fachkräfte zu finden. Letztlich ist es die Betrachtungsweise, die dem Problem auf den Grund gehen kann. Alle Branchen bundesweit zusammengenommen mögen durchaus gut versorgt sein. Wenn du aber genauer hinschaust, wirst du Unterschiede in bestimmten Branchen und Regionen sehen. Als Unternehmen kannst du diesem Problem mit einer hohen Attraktivität für Arbeitnehmer*innen begegnen.

Von einem Fachkräftemangel wird dann gesprochen, wenn sich auf eine freie Stelle nicht mehr als zwei Arbeitssuchende bewerben. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Industrie besteht das Problem in Teilen von Ostdeutschland und in Süddeutschland. Besonders häufig gesucht werden Fachleute in den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Wie bedeutend das Problem ist, zeigen Zahlen des Ministeriums: Mehr als 50 Prozent der Unternehmen sehen heute im Fachkräftemangel die größte Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. 2010 waren es noch 16 Prozent, die dieses Problem als Geschäftsrisiko einstuften. Derzeit sind 352 von 801 Berufsgattungen von einem Mangel an qualifizierten Personal betroffen.

Staat und Handwerksverbände wollen die Ursachen des Fachkräftemangels beseitigen

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) versucht, den kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen. Sie können häufig nicht Gehälter zahlen wie Großkonzerne und sind entsprechend besonders vom Fachkräftemangel betroffen. Das KOFA hat zum Beispiel eine Karte entwickelt, auf der die Fachkräftelücke dargestellt wird. Sie zeigt die aktuelle Anzahl der offenen Stellen, für die es in einer Region keine passend qualifizierten Arbeitssuchenden gibt. In Bayern und Baden-Württemberg ist der Anteil an Stellen in Engpassberufen mit 86 und 88 Prozent am größten. In Thüringen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz wird inzwischen mehr als jede achte Stelle in einem Engpassberuf ausgeschrieben.

Der ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke forderte Gesetze, die eine Berufsorientierung zum Inhalt haben. Politik und Gesellschaft müssten berufliche und akademische Ausbildung wieder als gleichwertige Wege in ein erfolgreiches Berufsleben anerkennen und fördern.

Denn mit Akademikern allein werden wir die Zukunft unseres Landes nicht bauen können. Da müssen wir möglichst frühzeitig gegensteuern. Zur Bildungswende muss zum Beispiel gehören, Jugendliche frühzeitig an das Handwerk heranzuführen und sie über die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten aufzuklären. Wir fordern eine verpflichtende Berufsorientierung”, sagte der Handwerks-Chef in einem Interview.

Außerdem müsse der Werkunterricht wieder zum festen Bestandteil des Stunden- und Lehrplans werden, insbesondere an Gymnasien. Damit bekämen Jugendliche ein Gespür für handwerkliches Arbeiten.

Was sind die Gründe für den Fachkräftemangel?

Dass es in bestimmten Bereichen des Arbeitsmarktes immer wieder zu Engpässen kommen kann, liegt in der Natur von dynamischen Märkten. Beim Fachkräftemangel geht es aber über normale Schwankungen hinaus. Manche Unternehmen sind so sehr betroffen, dass sie vor dem Aus stehen, wenn sie nicht bald den Engpass beheben können. Für den Fachkräftemangel gibt es verschiedene Gründe:

Die Alterspyramide begünstigt den Fachkräftemangel

Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft, und damit der Anteil der Erwerbstätigen. Viele gehen in Rente und diese erfahrenen Führungskräfte können nicht schnell genug ersetzt werden. Berechnungen gehen davon aus, dass bis 2030 etwa 3,9 Millionen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden. Deutschland hat einfach nicht genügend Geburten, um dem Trend entgegenzuwirken. Auch der Zuzug aus dem Ausland kann den Fachkräftemangel nicht ändern. Zwar kommen mehr Menschen zum Leben und Arbeiten nach Deutschland als das Land verlassen, aber das sind nur zu einem geringen Teil junge, gut ausgebildete Fachkräfte.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht langfristig keinen Ausgleich durch Arbeitskräfte aus dem Ausland. In einem optimistischen Szenario geht man von 200.000 Zuwanderer*innen und einer gleichbleibenden Erwerbsquote aus.

Die annahmegemäß konstant bleibende jährliche Zuwanderung kann den demografischen Effekt zunehmend weniger kompensieren. Im Jahr 2030 zählt das Erwerbspersonenpotenzial 44,5 Mio. (-3 %) Arbeitskräfte, bis 2060 sinkt es in diesem Szenario auf 38,9 Mio. (insgesamt -15,1 % gegenüber 2015)” heißt es in einer Untersuchung des Instituts.

Frühes Ausscheiden aus dem Arbeitsleben

Ein weiterer Trend, der die Fachkräfte-Lücke größer werden lässt, ist das frühzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Das liegt größtenteils an der Rente mit 63, ein Angebot, das von vielen Fachkräften angenommen wird. Diese Generation wird es sich noch leisten können, früh in Rente zu gehen und einen angenehmen Lebensabend zu verbringen. Und dann gibt es noch jene Spezialist*innen aus den höheren Gehaltsgruppen, die genügend Vermögen angespart haben, um schon mit Mitte 50 auszusteigen. Sie wollen das Leben genießen, sich selbst verwirklichen oder nochmal was ganz Neues machen. Nicht wenige gründen eine Firma oder ein Start-Up. Dem Arbeitsmarkt stehen sie dann aber nicht mehr zur Verfügung.

Mehr Jobs mit hohen Anforderungen

Die Arbeitswelt verändert sich rasant und Menschen mit einer durchschnittlichen Ausbildung finden bald kaum noch gute Stellen. Während das Angebot in den Niedriglohngruppen noch recht ausgeglichen ist, klafft in der Mitte ein großes Loch an Fachkräften. Wer sich nicht ständig weitergebildet hat, wird schwieriger zu vermitteln sein. Auf der anderen Seite bedeutet eine Vielzahl an unzureichend ausgebildeten Arbeitskräften, dass entweder mit großem Aufwand nachgeschult werden muss oder über das Gehalt Fachkräfte gelockt werden müssen.

Weniger Ausgebildete, mehr Studierte

Mancher nennt es ein Fehler des Bildungssystems, dass so viele junge Menschen das Abitur anstreben und dann studieren gehen. Denn im Vergleich zu einem ausgebildeten Mechatroniker hat ein Betriebswirtschaftler trotz Bachelor keine besonderen Fachkenntnisse. Die Branchen, die händeringend Fachleute suchen, sind das Handwerk, die Elektroindustrie und die Metallindustrie. Wurde lange Zeit Jugendlichen ein Studium nahegelegt, sind heute die Berufschancen mit einer Ausbildung in einigen Sektoren besser.

Ungenügende Werbung der Verbände

Den Industrie- und Handwerksverbänden ist es in den vergangenen Jahren offenbar nicht gelungen, die Fachberufe für junge Menschen attraktiv zu machen. Viele Kampagnen wirken zu bemüht, gehen an den Wünschen der jungen Menschen vorbei und bieten keine Perspektiven. Letztlich ist das Image von Fachleuten im Handwerk nicht so gut wie von Ingenieur*innen die studiert haben – selbst wenn am Ende beide den gleichen Job machen, zum Beispiel große Elektroinstallationen planen und umsetzen. Selbst die Hörgeräteakustiker*innen haben Schwierigkeiten, Ausbildungsstellen zu besetzen.

Die hohe Studierneigung bei gleichzeitig weniger Schulabgängern pro Jahrgang habe dazu geführt, dass es mittlerweile einen Wettbewerb um jede*n Jugendliche*n gibt. Hier fällt es immer schwerer, willige und geeignete Jugendliche für einen Ausbildungsplatz zu begeistern, beklagt das Institut für Deutsche Wirtschaft mit Blick auf den Fachkräftemangel.

Der Strukturwandel als Fachkräftemangel Ursache

Nur gut jede*r Dritte im Handwerk ausgebildete Mitarbeiter*in bleibt laut Studie des ifh Göttingen heute noch dem erlernten Beruf treu. Bis zum Ende der 1990er-Jahre verblieb etwa die Hälfte der im Handwerk ausgebildeten Fachkräfte im Handwerk, heute sind es dagegen nur noch 36,5 Prozent.

Neben dem Dienstleistungssektor ist zunehmend wieder die Industrie größter Hauptkonkurrent im Wettbewerb um die besten Fachkräfte. Großunternehmen und mittelständische Firmen haben das Potenzial der guten Handwerker*innen erkannt und sich die Qualifikationen gesichert. Diese Kräfte fehlen dann in den kleineren Betrieben, die wiederum kaum noch Kapazitäten haben, auszubilden.

Fachkräftemangel durch Abwanderung

Während zum Beispiel im Osten Deutschlands Gemeinden die Unternehmen mit geringen Steuersätzen locken, möchten gerade junge Menschen gerne in der Nähe von Städten und in Zentren leben und arbeiten. An den Ländergrenzen, vor allem in Süddeutschland, bieten Österreich und die Schweiz attraktive Arbeitsplätze. Und im Bereich Softwareentwicklung und IT ist die Gig-Economy ein neuer Trend: Programmierer*innen suchen sich Projekte bei Anbieter*innen im Internet aus, an denen sie freiberuflich arbeiten. Diese Projekte werden weltweit angeboten.

Das Home-Office kann im Wohnzimmer genauso eingerichtet werden wie am Strand in Thailand oder einem AirBnB in Chile. Die Digitalen Nomaden, wie diese neue Klasse an technisch versierten Fachleuten heißt, lassen sich ungern lange an einem Platz nieder.

Folgen des Fachkräftemangels

Wenn Arbeitskräfte fehlen, dann müssen Unternehmen mehr aufwenden, um geeignetes Personal zu bekommen. Du wirst die Löhne und Nebenleistungen anpassen müssen. Dort, wo derzeit Fachkräfte fehlen, sind die Löhne gestiegen. Das hat eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zum Fachkräftemangel bestätigt. Während die Löhne in Deutschland zwischen 2013 und 2019 im Schnitt um rund 15 Prozent stiegen, lagen die Zuwächse in Branchen mit Fachkräftemangel laut IW-Studie zum Teil deutlich darüber. Beschäftigte in der Altenpflege verdienen 24 Prozent mehr als sechs Jahre zuvor.

Es sind zu einem Großteil Hochqualifizierte und Beschäftigte mit Sonderqualifikationen, die besser bezahlt werden. Diesen Trend kann man seit 2013 feststellen. Diese Mitarbeiter*innen sind eher bereit, für einen besseren Job den Wohnort zu wechseln. Damit bieten sie ihre Dienste bundesweit an.

Für Arbeitgeber*innen bedeutet das, sich noch mehr als bisher um die besten Arbeitskräfte zu bemühen. Eine Folge dieser Bemühungen sind in manchen Firmen gestiegene Produktionskosten oder Kosten für Dienstleistungen. Das bringt dich als Recruiter*in in eine Zwickmühle: Zum einen brauchst du gute Leute, zum anderen sind diese immer schwieriger zu bezahlbaren Preisen zu bekommen.

Wo fehlen Fachkräfte?

Allgemein sind Fachkräfte dort gesucht, wo es spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten braucht. Firmen suchen erfahrenes Personal, das auf dem Stand der Technik ist, moderne Fertigungsmethoden kennt und in der Lage ist, sich wechselnden Bedingungen schnell anzupassen.

Es gibt drei Wirtschaftssegmente, in denen fast alle Firmen um die besten Arbeitskräfte kämpfen.

Akademische Berufsgruppen

Es fehlen nicht erst seit der Coronakrise Ärzt*innen in Deutschland. Dass wir Weltmeister im Export sind, liegt am Maschinenbau, der schon lange darüber klagt, nicht genügend Ingenieur*innen zu haben. Dazu zählt auch der Fahrzeugbau und die Automobilzulieferer. Und die deutschen Universitäten und Bildungseinrichtungen produzieren nicht genügend Elektrotechnik-Ingenieur*innen, Programmierer*innen und Softwareentwickler*innen sowie Netzwerkspezialist*innen.

Handwerk

Dort, wo es besonders ausgebildete und qualifizierte Handwerker*innen braucht, ist das Angebot nicht ausreichend. So fehlen in vielen Regionen Elektroinstallateur*innen und -monteur*innen. Andere Berufe mit großer Nachfrage nach Personal sind die Zerspanungstechnik, die Kunststoffverarbeitung, der Rohrleitungsbau, die Schweißtechnik und im Maschinenbau. Auch hier werden ausgebildete und hochqualifizierte Kräfte gesucht.

Pflege

Eine Sonderstellung hat schon seit Jahren der Bereich der Pflege. Es fehlt hier an fachlich versierten Kranken- und Altenpfleger*innen.

Was kann dein Unternehmen gegen den Fachkräftemangel tun?

Du wirst deine eigene Branche nicht verändern können und schon gar nicht den demografischen Wandel. Was Unternehmen aber machen können, ist Mitarbeiter*innen zu halten und sie aus- und weiterzubilden. Der Grund für viele Fachkräfte, den Job zu wechseln, ist meistens ein attraktiveres Angebot. Und das ist nicht nur Geld.

Sie schauen nach den Arbeitsbedingungen, der Unternehmenskultur, wie familienfreundlich das Unternehmen ist und welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Um beim Wettrennen um die besten Mitarbeiter*innen die Nase vorn zu haben, musst du ein möglichst attraktives arbeitgebendes Unternehmen sein. Das schließt deine Bewertungen bei den bekannten Arbeitgeberbewertungen-Portalen ebenso ein wie die Empfehlungen durch deine eigenen Mitarbeiter*innen.

Heute spielt immer weniger eine Rolle, welche Ausbildung man formal nachweisen kann. Unternehmen brauchen Fachkräfte, die etwas können. Wo sie das gelernt haben, ist zweitrangig, solange sie ihren Job bestens machen können. Für dich bedeutet das: Du wirst innerbetriebliche Angebote machen müssen, deine Mitarbeiter*innen weiterzuqualifizieren. Gleichzeitig wirst du viel Energie aufwenden müssen, das Arbeitsumfeld optimal zu gestalten. Wer sich in einer Firma wohlfühlt, wird nicht so schnell wechseln wollen wie jemand, der frustriert ist.

Du kannst beim Recruiting nach Talenten schauen, die zwar bereits Vorwissen mitbringen, aber noch nicht auf dem Stand sind, der eigentlich benötigt wird. Eine Ressource sind Studienabbrecher*innen. Viele von ihnen wollen gerne in einen Beruf und habe sich das Studium anders vorgestellt.

Frauen aktiv fördern. Der Anteil von Frauen an Fachkräften im aktiven Arbeitsmarkt ist viel zu gering. Dabei schlummert hier eine großes Potenzial. Du kannst es zum Beispiel mit familienfreundlichen Arbeitsplätzen erreichen, oder durch Firmenkindergärten. Diese kannst du gemeinsam mit anderen Unternehmen einrichten.

Eine Firma, die sich Diversität auf die Fahnen geschrieben hat, wird ebenfalls mehr Fachkräfte anziehen können. So gibt es immer noch ältere Arbeitnehmer*innen, die nicht mehr eingestellt werden, obwohl sie eigentlich fachlich qualifiziert sind. Diese können eine Bereicherung für deine Firma sein und müssen nicht mehr alles von Grund auf lernen. Das Gleiche gilt für behinderte Menschen. Ein behindertengerechter Arbeitsplatz öffnet dir den Zugang zu einem völlig neuen Markt.

Und schließlich solltest du Migrant*innen und ausländische Mitarbeiter*innen nicht vergessen. Viele haben in ihren Herkunftsländern eine Fachausbildung gemacht, und bekommen in Deutschland oftmals nur Niedriglohnjobs angeboten. Zeige dich offen bei Bewerbungen und schaue dir genau an, welche tatsächlichen Qualifikationen ausländische Bewerber*innen haben. Viele sprechen zum Beispiel Englisch, so dass schon mal die Kommunikation sichergestellt ist. Wenn jemand in der Niederlassung eines deutschen Unternehmens in einem Land gearbeitet hat, dass heute ein Krisengebiet ist, ist die Qualifikation ja noch vorhanden. Deutschland hat schon einmal davon profitiert, als viele hochqualifizierte Fachkräfte den Iran verlassen mussten.

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