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7 wirksame Maßnahmen zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz

Stress ist zunächst einmal eine natürliche Reaktion des Körpers auf veränderte Umweltsituationen. “Stress ist eine natürliche körperliche Reaktion auf psychische oder körperliche Belastungen. Sie dient dazu, in angenommenen oder realen Gefahrensituationen kurzfristig die Leistungsbereitschaft zu erhöhen” beschreibt das Phänomen die Website Netdoktor. Zum Problem wird Stress, wenn es sich nicht mehr um eine kurzfristige Situation handelt. Für eine erfolgreiche Stressbewältigung am Arbeitsplatz müssen also zuerst die Ursachen erkannt werden.

Am Arbeitsplatz reden wir oft von einem stressigen Tag, wenn viel zu tun war oder von Stress, wenn wir ein wichtiges Projekt beenden müssen. Selbst hier kann noch von einem überschaubaren Zeitraum gesprochen werden. Wo aber Mitarbeiter*innen ständig unter Strom stehen und der Druck nicht aufhört, entsteht eine andauernde Stresssituation, die Gesundheit und Produktivität gefährdet.

Nicht immer ist Stress am Arbeitsplatz vom arbeitgebenden Unternehmen zu erkennen. Sehr oft zeigen Ihre Angestellten nicht, wie groß der Stress ist, nicht einmal gegenüber ihren eigenen Kolleg*innen. Der oft unsichtbare Faktor Stress ist größer als Sie denken mögen. Eine YouGov-Umfrage hat ergeben, dass 57 Prozent der Befragten eine hohe Anspannung verspüren, 44 Prozent Unruhe und 40 Prozent klagen über Schlafstörungen. Und: 40 Prozent gaben an, dass ihre Arbeitgeber*innen keinerlei Präventionsmaßnahmen bieten. Ein Problem: Sowohl Arbeitgeber*innen als auch Arbeitnehmer*innen wissen nicht, welche Möglichkeiten zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz es gibt.

Ursachen für Stress am Arbeitsplatz

Stress ist zum größten Teil eine subjektive Empfindung, und jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Belastungen und Reize. Wer an einer lauten Straße wohnt, kann durch den Straßenlärm gestresst sein. Am Arbeitsplatz kann bereits ein langer Anfahrtsweg bei manchen Arbeitnehmer*innen Stress auslösen. Nicht jede*r Mitarbeiter*in empfindet eine bestimmte Situation als stressig. Deshalb ist es bei der Stressbewältigung am Arbeitsplatz entscheidend, auf die individuellen Gegebenheiten einzugehen.

Dennoch gibt es einige Faktoren, die als besonders Stress auslösende Mechanismen bekannt sind:

Überlastung mit Arbeit

Wenn die Belastung durch Arbeit und aufgetragene Aufgaben zu groß wird, schaltet der Körper irgendwann ab. Wir können nicht 8 Stunden (oder mehr) am Tag jede Woche auf Hochtouren laufen. Dabei ist die Empfindung, was eine zu große Arbeitsbelastung ist, durchaus unterschiedlich. Das macht es auch so schwer, Maßnahmen für alle zu ergreifen. Stress kann sehr unterschiedlich Ausprägungen haben.

Lange Arbeitszeiten

Wer zu lange arbeitet, wird nicht nur müde, sondern die Produktivität lässt nach. Das wiederum kann den Stress erhöhen, weil Mitarbeiter*innen merken, dass sie die Arbeit nicht zeitgerecht erledigen können. Lange Arbeitszeiten sind in den meisten Fällen ein strukturelles Problem, dass aber von der Unternehmensführung recht einfach gelöst werden kann.

Ein Problem der langen Arbeitszeiten stellt die Always-On-Mentalität dar. Über unser Smartphone sind wir ständig online und bekommen eben auch am Abend und am Wochenende noch E-Mails geschickt. In Zeiten, in denen wir uns eigentliche erholen sollen, wird dann erneut Druck aufgebaut. Aber auch hier kann Abhilfe geschaffen werden, von Ihrem Unternehmen selbst und durch gesetzliche Regelungen

Langweilige und uninteressante Arbeit

In einer Umfrage von Korn Ferry haben 79 Prozent der Befragten angegeben, dass sie zu wenig Arbeit für stressiger halten, als zu viel Arbeit. Das mag paradox klingen, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht: Wer unterfordert ist, kann sein Energiepotential nicht abbauen. Ideen können nicht kommuniziert werden, Projekte dürfen nicht umgesetzt werden. Die erste Phase ist die Frustration, in der zweiten Phase kommt dann Stress hinzu.

Unterforderung und monotone Arbeiten werden in vielen Fällen zu einer Abwanderung führen. Wer aber seinen Job nicht einfach wechseln kann, wird sich irgendwann gestresst fühlen, weil man nicht den eigenen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt wird.

Beschäftigungssicherheit

Selbst wer hervorragende Arbeit leistet, einen geregelten Arbeitstag hat und bestens mit den Kolleg*innen auskommt, kann Stress verspüren. Dann nämlich, wenn die Wirtschaftslage schlecht ist, das Unternehmen Absatzprobleme hat und das Einkommen dringend für die Familie gebraucht wird.

Die Angst, einen Arbeitsplatz zu verlieren, ist immer vorhanden, und zwar in allen Ebenen einer Unternehmensstruktur. Sie kann in äußeren Faktoren, wie wirtschaftliche Leistung, und inneren Faktoren (leiste ich genug?) begründet sein. Es gibt nicht wenige Top-Manager*innen, die unter extrem hohen Erfolgsdruck stehen und die Vorstellung, der Vorstand würde sie entlassen, schon ein enorm große Stressfaktor ist.

Weitere Gründe für psychische Belastungen

Weitere Ursachen für Stress am Arbeitsplatz können sein:

  • Arbeitsgeschwindigkeit
  • Sinnhaftigkeit
  • Diskriminierung
  • Fehlende Autonomie und Verantwortung
  • Schichtarbeit
  • Keine Aus- und Weiterbildung
  • Familiäre Probleme, die mit der Arbeit verzahnt sind
  • Mangelnde Wertschätzung

Wie kann man Stress bei Mitarbeiter*innen erkennen?

Als Arbeitgeber*in sollten Sie die Alarmzeichen kennen, die mit Stress einhergehen. Je früher sie merken, dass Mitarbeiter*innen unter Stress leiden, umso schneller können Sie eingreifen und Abhilfe schaffen. Zeichen von Stress äußern sich auf unterschiedliche Weise, und Sie sind als Arbeitgeber*in auch auf Mitarbeiter*innen angewiesen, dass diese Stresssignale bei Kolleg*innen erkennen. Wenn das Thema Stress im Unternehmen offen angesprochen wird, können Sie auch frühzeitig mit Maßnahmen zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz beginnen.

Konzentrationsschwierigkeiten

Wenn Mitarbeiter*innen viele Fehler machen, oft mehrmals nachfragen und bei einem Meeting nicht bei der Sache sind, dann kann Stress eine Ursache sein. Weil wir in dieser Situation dauernd angespannt sind, wird unser Körper irgendwann keine volle Leistung mehr bringen. Das Gehirn fährt seine Kapazität herunter. Als Arbeitgeber*in werden Sie nicht bei allen Arbeitnehmer*innen ständig den aktuellen Gesundheitsstand feststellen können. Sie können aber zum Beispiel über Produktivitäts- und Fehlerraten Abweichungen und Trends erkennen.

Erschöpfung und Müdigkeit

Ein häufiger Grund für Konzentrationsschwierigkeiten ist Müdigkeit. Diese wird zum einen durch die körperliche Belastung in Stresssituationen ausgelöst, zum anderen aber durch ein weitaus größeres Problem: Schlaflosigkeit. In der Korn Ferry Studie haben zwei Drittel der Befragten angegeben, wegen Stress im Job schlecht zu schlafen. Viele nehmen die Probleme auf der Arbeit mit nach Hause, und wenn sie dann abends im Bett liegen, können sie die Gedanken nicht abschalten.

Die Bandbreite ist dabei groß, von Dingen, die man am nächsten Tag erledigen will bis zu Fehlern, die man gemacht hat und über die man sich ärgert und tief liegenden Versagensängsten. Schlaflosigkeit betrifft alle Ebenen. Selbst bei Führungskräften geben 60 Prozent an, schlecht zu schlafen. Wer nicht schläft, kann am nächsten Tag nicht volle Leistung bringen. Es gibt Symptome wie Tagesschläfrigkeit, Erschöpfung und in manchen Fällen sogar Depressionen.

Soziale Isolation

Noch immer ist Stress am Arbeitsplatz für viele Arbeitnehmer*innen ein Tabuthema. Sie wollen nicht zugeben, dass sie gestresst und krank sind, sehen es als Eingeständnis von Schwäche ein. Wer mehrmals am Tag “Wie geht es dir?” gefragt wird, möchte irgendwann den Fragen ausweichen. Stress kann zu Depressionen führen, aber auch ohne diese kommt es vor, dass Mitarbeiter*innen sich unter Stress sozial isolieren. Sie versuchen sich damit zum einen Freiräume zu schaffen, in denen sie sozialen Druck vermeiden können, zum anderen aber auch stressfreies Umfeld zu schaffen – was oftmals aber eine Illusion ist.

Produktivität

Da noch immer wenig Arbeitnehmer*innen bereit sind, schon in einem frühen Stadium von Stressbelastung am Arbeitsplatz zu reden, müssen Sie auf Daten zurückgreifen. In digital transformierten Firmen ist das glücklicherweise heute möglich. Ein wichtiger Faktor ist die Produktivität. Wer unter Stress steht, wird sehr deutlich weniger produktiv sein und das lässt sich messen.

Je nachdem welche Kennzahlen Sie für Produktivität verwenden, können Sie in Ihren HR-Berichten recht schnell Trends feststellen. Manchmal ist der Grund nur eine allgemeine Unzufriedenheit oder eine unzulängliche Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen, aber genau daraus kann Stress entstehen. Das ist übrigens auch dann der Fall, wenn die Produktivität wegen der Produktionsbedingungen sinkt. Wenn eine Software permanent abstürzt oder eine Maschine immer wieder stehen bleibt, gleichzeitig die KPI erfüllt werden sollen, kann Stress ausgelöst werden.

Krankenstand

Eine Messzahl, die für das ganze Unternehmen und für einzelne Mitarbeiter*innen nicht außer Acht gelassen werden darf ist der Krankenstand, und seine Entwicklung. Zeigt sich ein Trend in einer Erhöhung des Krankenstandes in der gesamten Belegschaft, werden Sie umgehend handeln müssen. Denn in diesem Fall besteht die Gefahr, dass es sich um eine Krise handelt, die schnell in eine allgemeine Kündigungswelle ausarten kann.

Jede ungewöhnliche Veränderung der Krankheitstage bei Mitarbeiter*innen sollten Sie untersuchen. In manchen Fällen steckt wirklich eine chronische Erkrankung dahinter. Was früher lapidar als “krankfeiern” bezeichnet wurde, kann heute ernsthafte Ursachen haben. Mitarbeiter*innen sind durch den Stress am Arbeitsplatz so erschöpft, dass der Arzt ihnen Bettruhe verordnet. Wird die Stressursache nicht beseitigt, kommen diese Krankheitssymptome immer wieder.

Maßnahmen zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz

Als Arbeitgeber*in können Sie einiges unternehmen, um Stress am Arbeitsplatz zu entdecken, zu verhindern und zu verringern. Sie können versuchen, den Ursachen auf den Grund zu gehen und präventiv arbeiten, zum Beispiel mithilfe von Gesundheitsexpert*innen. Die Krankenkassen und Berufsgenossenschaften haben einige Programme zum Gesundheitsschutz im Angebot. So kann man bei der Barmer ein Online-Seminar zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz buchen.

1. Aufklärung

Stress am Arbeitsplatz zu thematisieren und Ihre Mitarbeiter*innen für das Thema zu sensibilisieren ist ein wichtiger Schritt, um das Problem anzugehen. Sie zeigen damit, dass Sie Stress ernst nehmen und Ihnen die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter*innen am Herzen liegt. Das fördert nicht nur die Mitarbeiterzufriedenheit und dient dem Employer Branding. Symptome von Stress werden früher erkannt und Betroffene können sich rechtzeitig behandeln lassen.

2. Betriebsarzt*ärztin

Sollten Sie eine*n eigene*n Betriebsarzt*ärztin haben, ist diese*r die erste Anlaufstelle. Hier können Mitarbeiter*innen vorsprechen und sich Rat holen. Die Praxis kann auch eigene Aufklärungskampagnen ins Leben rufen. Bei keiner betriebsärztlichen Versorgung können Sie sich über das Gesundheitsamt, Amtsärzt*innen oder andere Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge Rat holen.

3. Teamarbeit

Eine wichtige Prävention für Stress ist die Teamarbeit, wenn Sie entsprechend organisiert ist. Systeme wie Kanban, in denen die Arbeit per Team limitiert ist, kann den Druck deutlich reduzieren. In Teams ist es für die Mitglieder*innen einfacher, über Probleme zu sprechen. Außerdem können die Kolleg*innen bei der Stressbewältigung am Arbeitsplatz aktiv helfen – sei es durch Zuhören oder in dem sie Aufgaben übernehmen.

4. Seminare zur Stressbewältigung am Arbeitsplatz

Viele Organisationen im Gesundheits- und Arbeitsschutzsektor bieten Seminare an, in denen es um die Stressbewältigung am Arbeitsplatz geht. Sogar Berufsgenossenschaften haben solche Fortbildungsveranstaltungen im Angebot. Teilnehmen können einzelne Mitarbeiter*innen, Teams und Führungskräfte.

Solche Trainings sind besonders sinnvoll, wenn sie präventiv angeboten werden. In den Unterrichtseinheiten lernen Teilnehmer*innen zum Beispiel:

  • Den Kopf freibekommen
  • Erfolgreiche Strategien für ein Energiemanagement
  • Zeit- und Selbstmanagement zur Vermeidung von Stress
  • Überlastungs-Situationen erkennen und konstruktiv lösen
  • Hilfe zur Selbsthilfe – Wie lässt sich Resilienz stärken?
  • Burnout: erste Symptome erkennen, Burnout vermeiden
  • Besser schlafen lernen

5. Flexible Arbeitszeiten

Manchmal hilft es schon, wenn Mitarbeiter*innen einfach Zeit zum Durchatmen bekommen. Sie können für einen bestimmten Zeitraum die Arbeitszeit reduzieren. Vielleicht ist eine Home-Office-Lösung hilfreich, zumindest an einigen Tagen, um einen Wechsel der Umgebung zu ermöglichen. Manchmal kommt der Stress auch durch die familiäre Situation: Wenn man die Kinder erst um 8 Uhr in die Schule bringen kann und dann zur Arbeitsstelle hetzen muss, um pünktlich zu sein, ist man jeden Tag unter einem enormen Zeitdruck. Hier helfen flexible Arbeitszeiten und Arbeitszeitkonten.

6. Betriebliche Gesundheitsvorsorge

Als Arbeitgeber*in sind Sie dafür verantwortlich, dass Ihre Angestellten während der Arbeitszeit keinen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Bislang wurde das meistens als Schutz vor Unfällen verstanden, zunehmend werden aber psychische Belastungen hinzugerechnet. Um die in § 4 ArbSchG geforderte psychische und physische Gesundheit am Arbeitsplatz zu garantieren, verpflichtet das Gesetz die Unternehmen, die Arbeitsbedingungen im Betrieb sorgfältig zu ermitteln und die Gefahren an ihrer Quelle zu bekämpfen.

7. Optimierung von Arbeitsprozessen

Wenn Arbeitnehmer*innen Ihre Arbeit trotz Motivation und Qualifikation in der geforderten Zeit nicht erledigen können, kann das an der Organisation der Arbeit liegen. Als Präventionsmaßnahmen können Sie überprüfen, ob es Prozesse gibt, die optimiert werden können. Im HR bietet sich zum Beispiel ein Bewerbermanagement-System an, das viele monotone Aufgaben automatisiert. Ihre Mitarbeiter*innen haben dann mehr Zeit für spannendere Tätigkeiten wie strategische Ausrichtung oder Besuch von Jobmessen. Im Vertrieb kann die Einführung von Technologie die oft sehr zeitraubende und frustrierende Erstellung von Berichten erleichtern. Ein professionelles CRM schafft ebenfalls Freiräume und kann Zeitdruck reduzieren.

In Skandinavien gibt es ein Modell, mit dem über einen organisatorischen Rahmen versucht wird, Stressbewältigung am Arbeitsplatz zu ermöglichen und Stress möglichst früh zu verhindern. Zu den Prinzipien gehören:

  • Die Arbeitsbedingungen sind an die unterschiedlichen körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Menschen angepasst.
  • Die Mitarbeiter*innen haben die Möglichkeit, sich an der Gestaltung der eigenen Arbeitssituation sowie an den Veränderungs- und Entwicklungsprozessen zu beteiligen, die sich auf ihre Arbeit auswirken.
  • Die Arbeit sollte Möglichkeiten für Vielfalt, sozialen Kontakt und Zusammenarbeit sowie Kohärenz zwischen verschiedenen Arbeitsabläufen bieten.

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